Kunst & Kultur Nachrichten

Wahrzeichen des Ruhrgebiets: Tetraeder in Bottrop (neue Serie bei MenschKunst)

Mit über fünf Millionen Einwohnern und einer Fläche von 4.435 Quadratkilometern zählt das Ruhrgebiet in Nordrhein-Westfalen zum größten Ballungsraum Deutschlands. Geprägt von ehemaliger Stahl- und Kohleindustrie findet derzeit ein Wandel statt, der diese sympathische Region vom „Kohlenpott“ zu einer „(Kultur-)Metropole Ruhr“ führt.

Unter dem Motto „des letzten großen Mäzenen des 20. Jahrhunderts“ Karl Ernst Osthaus (1874-1921) "Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel", zelebrierten im Jahr 2010 insgesamt 53 Städte und Gemeinden des Ruhrgebiets ihre Ernennung zur „Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010“. Seinerzeit Anlass für viele Städte, spätestens in diesem bedeutenden Jahr, sich selbst auch ein kulturelles Wahrzeichen zu schaffen. Konsequenterweise wurden hierbei oftmals die ehemaligen Wirkungsstätten, der bis vor ein paar Jahrzenten noch zu den führenden Montanindustrien Deutschlands zählenden Bergbau und rohstoffverarbeitende Schwerindustrien, zu monumentalen Industrie-Denkmälern umfunktioniert.

In einer mehrteiligen Serie werden ab sofort hier bei MenschKunst die schönsten „Wahrzeichen des Ruhrgebiets“ in Wort und Bild vorgestellt.

Tetraeder - Das Haldenereignis Emscherblick in Bottrop


Um zum Tetraeder auf dem Gipfel der Halde Beckstraße in Bottrop zu gelangen, ist ein langer Weg über viele enge Kurven oder direkt über die 387 Stufen starke Treppe zu bewältigen. Am Gipfel angelangt, steht dieses 128m riesige, fremdartige Gebilde, das auf den ersten Blick eher an ein Raumschiff aus einer weit entfernten Galaxie erinnert - so schwebend ruht es auf seinen vier 9m hohen Betonpfeilern. Das pyramidale Paradox aus scheinbarer Fragilität bzw. Leichtigkeit auf der einen und massiver Stahlkonstruktion auf der anderen Seite, in der kraftvolle 210 Tonnen Stahl und Rohre von insgesamt 1,5 km Länge verarbeitet wurden, strahlt eine Aura aus, der man sich nicht entziehen kann. In direkter Nähe zu der Pyramide fühlt man sich von einem Moment auf den nächsten sehr winzig, was der Atmosphäre eine gewisse ehrfürchtige Andacht verleiht.

Der Tetraeder mit einer Seitenlänge von 60m ist bis zu seiner Spitze über drei Podeste in unterschiedlichen Höhen von 18m, 32m und 38m begehbar. Das letzte besteht aus einem Ring mit 8m Durchmesser und hat eine Neigung von 8°. Man benötigt allerdings einen starken Magen, Schwindelfreiheit und Vertrauen in die Konstruktion: die Treppen und Podeste sind nämlich mit armdicken Stahlseilen an der Konstruktion aufgehängt, so dass sie frei von ihr beweglich sind und es bei windigem Wetter zu Schwankungen kommen kann. Zudem bieten die Podeste mit ihren Gitterrosten einen freien Blick nach unten, den vielleicht nicht jeder angstfrei genießen kann. Allerdings wird die anfängliche Unsicherheit vom obersten Ring des Aussichtsturms aus mit einem überwältigenden Blick über das Ruhrgebiet belohnt. Bei freier Sicht ist selbst der 40 km entfernte Rheinturm in Düsseldorf zu erkennen. Somit stellt das Haldenereignis Emscherblick auch eine wichtige Landmarke dar.

Dank der Lichtinstallation namens "Fraktal", die die Spitze des Gerüstes ziert und von dem Düsseldorfer Künstler Jürgen LIT Fischer stammt, wirkt der Tetraeder bei Nacht noch anmutiger. Die Lichter scheinen von fernher wie gewaltige Blitze in der Luft eingefroren zu sein und strahlen ein warmes Licht auf die Stahlträger ab. Entworfen wurde die Stahlkonstruktion von Professor Dipl.-Ing Wolfgang Christ in Zusammenarbeit mit dem Tragwerksplaner Klaus Bollinger und im Jahre 1994 am Tag der Deutschen Einheit, dem 3. Oktober, eingeweiht. Der Tetraeder ist auf dem abgesenkten Plateau umgeben von schwarzem Berggestein, das an die harte und gefahrvolle Arbeit der Kumpel erinnern soll, die unter Tage in 1200m Tiefe gearbeitet haben. Die Halde selbst, die zu der Art der terrassierten Tafelberge gehört, ist in der Zeit von 1963 bis 1980 bis über 60m hoch mit Bergematerial, sogenanntem taubem Gestein, aufgeschüttet worden. Damals stand hier auch noch die Schachtanlage "Prosper II".

Halden wie diese in der Beckstraße gibt es viele und vor noch nicht allzu vielen Jahren wurden diese "schwarzen Berge" als unansehnlich und unästhetisch empfunden. Daher wurden möglichst viele begrünt, denn vielerorts versuchte man sie krampfhaft wieder in die Umgebungslandschaft zu integrieren. Doch es gab auch einige Halden, die in ihrem ursprünglichen Zustand belassen worden sind. Letztendlich sind sie jedoch Relikte der Vergangenheit und erzählen mit ihrem markanten Landschaftsbild Geschichten aus dem Bergbau. Außerdem bieten sie viel Spielraum für künstlerische Ideen, wie der Tetraeder schon erfolgreich beweisen konnte.

Relevante Links:

- Wikipedia-Artikel
- route-industriekultur.de : Panoramen Tetraeder




Auf der "Route der Industriekultur" gehört der Tetraeder in Bottrop zu einem der "Panoramen der Industrielandschaft"


Weitere Artikel - Wahrzeichen des Ruhrgebiets - bei MenschKunst:

- „Horizontobservatorium“ auf der Halde Hoheward in Herten
- Nordsternpark in Gelsenkirchen
- Dortmunder U
- ´Tiger & Turtle - Magic Mountain´ - Landmarke Angerpark Duisburg



Textbeitrag: Sabrina Stabi - Vorwort und Foto: Michael Koschinski - Infosymbol Panoramen der Route der Industriekultur: NatiSythen



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